Interview
Lichtplanung: „Das richtige Licht zur richtigen Zeit"

Mathias Wambsganß ist Professor für Lichtplanung und Gebäudetechnik an der Hochschule Rosenheim, Mitglied im Vorstand der Deutschen Lichttechnischen Gesellschaft und Gründungspartner des Lichtplanungsbüros 3lpi in München. Seit 15 Jahren betreibt er Energie-Monitoring im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums und schneidet Gebäude dafür in „energetische Scheibchen“. Im Interview spricht Wambsganß über lieblos in Betrieb genommene Beleuchtungsanlagen, verpasste Einsparpotentiale und die unbedingte Notwendigkeit, den Menschen in den Mittelpunkt einer Planung zu stellen.

Beleuchtung soll heute möglichst effizient sein. Gleichzeitig fordern Nutzer Komfort. Passt das zusammen?

Das ist absolut kein Widerspruch, nicht zuletzt, da wir heute hocheffiziente Leuchtmittel zur Verfügung haben. Es besteht also keine Notwendigkeit, eine Beleuchtungsanlage nur hinsichtlich ihres Energieverbrauchs zu optimieren. Außerdem sollte man diesen Energieverbrauch und die daraus resultierenden Kosten auch in Relation zu anderen Kostenfaktoren sehen. Die Personalkosten beispielsweise sind für ein Unternehmen ein weitaus größerer Posten. Die Beleuchtung eines Büros kostet bei geringer Tageslichtverfügbarkeit und langen Betriebszeiten im schlimmsten Fall 8 bis 10 Euro pro Quadratmeter und Jahr. Im Vergleich dazu zahlt der Arbeitgeber für denselben Zeitraum und dieselbe Fläche 5.000 Euro und mehr pro Mitarbeiter. So gesehen sollten wir dringend aufhören, Lichtlösungen primär an ihren energetischen Eigenschaften zu messen, und stattdessen anfangen, uns mehr über Lichtqualität Gedanken zu machen. Licht hat schließlich Einfluss auf das Wohlbefinden der Mitarbeiter und damit auch auf ihre Leistung.

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» So gesehen sollten wir dringend aufhören, Lichtlösungen primär an ihren energetischen Eigenschaften zu messen, und stattdessen anfangen, uns mehr über Lichtqualität Gedanken zu machen. «

Matthias Gambsganß

Professor für Lichtplanung und Gebäudetechnik

Wenn nicht die Qualität der Beleuchtung, welches ist denn dann die übliche Grundlage für eine Lichtplanung in einem gewerblich genutzten Gebäude?

Es gibt eine Norm für die Beleuchtung am Arbeitsplatz, die bestimmte Mindestbeleuchtungsstärken festschreibt – beispielsweise 500 Lux im Büro. Das Erreichen dieser Beleuchtungsstärke wird von vielen gleichgesetzt mit Lichtqualität. Dabei kann man die Beleuchtungsstärke gar nicht sehen. Sie beschreibt die Menge an Licht, die eine Fläche erreicht. Die Wirkung am Auge hängt aber von dem Material der Fläche ab.


Hinzu kommt, dass sich diese Angabe auf einen 20-jährigen Normbeobachter bezieht. Ein 50-Jähriger benötigt allerdings etwa eineinhalb mal so viel Licht, um eine Sehaufgabe mit der gleichen Qualität zu erfüllen. Ich stelle deshalb in Frage, ob das gängige Planungsziel „500 Lux“ überhaupt richtig ist. Mit Blick auf die Produktivität und den Einfluss auf die Gesundheit ist nämlich klar, dass wir zumindest zu bestimmten Zeiten eher mehr Licht zum Arbeiten bräuchten. In einem Expertenforum, der Deutschen Lichttechnischen Gesellschaft, der LiTG, diskutieren wir momentan darüber, ob diese Norm in ihrer aktuellen Form dauerhaft haltbar ist. Eine Bandbreite von beispielsweise 500 bis 1.000 Lux als Ziel anzugeben, wäre in diesem Fall wahrscheinlich die bessere Lösung.

Aber auch die Energieeinsparverordnung macht Vorgaben. Steht Ihr Wunsch nach„mehr Licht“ eventuell im Widerspruch zu Effizienzzielen?

In einem gewissen aber geringen Umfang sicherlich ja. Man muss das aber in der Gesamtrelation sehen und sollte die Dinge differenziert betrachten: Beispielsweise die installierte und die tatsächlich genutzt Leistung; letztendlich zählt für die Energiebilanz, was wirklich verbraucht wurde.


Um zu einem insgesamt guten Ergebnis zu kommen, ist aus meiner Sicht ein zweistufiges Vorgehen sinnvoll: Erst sollten wir uns die Frage stellen, welche Lichtverhältnisse in den verschiedenen Arbeitssituationen sinnvoll sind. Hierbei spielt die Wertigkeit des Menschen, der da arbeitet, eine wichtige Rolle. Dann treffen wir Maßnahmen, um eine Lichtlösung möglichst effizient zu gestalten. Hierbei stellt sich neben der Auswahl effizienter Produkte zum Beispiel auch die Frage, wie steuere oder regle ich das Licht? Denn, wenn auf der einen Seite, gut begründet, etwas mehr Lichtleistung installiert ist, wird auf der anderen Seite auch das Einsparpotential durch ein Lichtmanagementsystem größer.

Grundlage für die Entscheidung zu einer bestimmten Beleuchtungsanalage sind heute immer seltener die tatsächlichen Kosten. Stattdessen zählen die Vorgaben des Gesetzgebers und, Sie haben es ja schon angesprochen, die Frage nach der Gesundheit und Produktivität des Mitarbeiters.

Das Zauberwort ist hier „das richtige Licht zur richtigen Zeit“ – ganz sicher im Bezug auf die Quantität und dort, wo es sinnvoll ist, auch auf die spektrale Zusammensetzung. Das bedeutet, dass sich die Art und Weise der Steuerung weiter entwickeln muss, damit neben der Effizienz auch die jeweils „richtige“ Beleuchtung einen höheren Stellenwert bekommt.

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» Das bedeutet, dass sich die Art und Weise der Steuerung weiter entwickeln muss, damit neben der Effizienz auch die jeweils „richtige“ Beleuchtung einen höheren Stellenwert bekommt. «

Mathias Wambsganß

Professor für Lichtplanung und Gebäudetechnik

Wie sollte das Ihrer Meinung nach aussehen?

Wenn man bedenkt, wie sensibel und unmittelbar unsere Augen reagieren, dann ist es tatsächlich eine große Aufgabe, Licht zu steuern oder zu regeln. Und die ist meiner Meinung nach noch nicht ausreichend gut beschrieben. Wir brauchen demnach Information, wie sich die geforderten technischen Angaben mit der Ergonomie des Auges am besten in Einklang bringen lassen. Ein Beispiel: Wird in einem Büro mit tageslichtabhängiger Regelung das Licht anschaltet, sollte die Helligkeit nicht unmittelbar mit 100 % startet, und anschließend auf den eingestellten Sollwert runterregeln. Sonst hat der Nutzer das Gefühl, es sei zu dunkel, da seine Augen schnell auf das entsprechend hohe Helligkeitsniveau adaptieren, aber länger brauchen, sich wieder an die reduzierte Lichtmenge zu gewöhnen. Die Botschaft an den Nutzer lautet unweigerlich, dass er mehr Licht haben könnte, es aber nicht bekommt. Umgekehrt darf die Lichtmenge aber auch nicht ganz gemütlich von unten in Richtung der geforderten Nennbeleuchtungsstärke fahren, da der Nutzer schnell das Gefühl haben wird, er hätte den Taster nicht richtig gedrückt. Um solche Punkte in der Steuerung richtig einstellen zu können, muss der Programmierer bei der Inbetriebnahme wissen, was passende Werte für die jeweilige Funktion sind und welches Anlagenverhalten der Nutzer erwartet.

Ist das aktuelle Vorgehen bei der Abnahme von Lichtanlagen also unausgereift, weil die Elektroplaner nicht um diese Besonderheiten der visuellen Ergonomie wissen?

In gewisser Weise ja. Viele Fachleute sind nicht sensibel dafür. Sie wissen in der Regel nicht, wie das Auge funktioniert und können damit relevante Faktoren bei der Inbetriebnahme bzw. der Abnahme nicht adäquat berücksichtigen. Daraus sollten wir ableiten, dass es tatsächlich sinnvoll ist, auf ein besseres Verfahren für die Inbetriebnahme und für die Abnahme hinzuwirken. Das muss nicht unbedingt eine Norm des Gesetzgebers sein. Es könnten beispielsweise auch Informationen der Hersteller von Lichtsteuerungen sein, wie eine Anlage mit ihren Komponenten in bestimmten Anwendungen ergonomisch am besten funktioniert. Das Wissen, was wir über diese Dinge schon haben, bringt den Inbetriebnehmer nur dann weiter, wenn jemand daraus ableitet, wie man es besser macht. Wir brauchen also eine Handreichung für Best Practice.

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» Daraus sollten wir ableiten, dass es tatsächlich sinnvoll ist, auf ein besseres Verfahren für die Inbetriebnahme und für die Abnahme hinzuwirken. «

Matthias Gambsganß

Professor für Lichtplanung und Gebäudetechnik

Gehen Sie davon aus, dass der Anspruch, die Lichtqualität durch eine gute Lichtsteuerung fördern zu wollen, auch einen Einfluss auf verfügbare Sensorik haben wird?

Das kann notwendig werden, denn die heute verfügbaren Sensoren messen neben der Präsenz in der Regel lediglich die Helligkeit. Mit Blick auf das aktuell sehr hoch gehandelte Thema „Licht und Gesundheit“ sind Sensoren erforderlich, die das empfangene Licht mit der nichtvisuellen Wirkfunktion des Auges bewerten oder gleich die spektrale Zusammensetzung messen. Am Stiftungslehrstuhl für „Licht und Gesundheit“ von Prof. Dr. Herbert Plischke an der Hochschule München wird aktuell mit einem Sensor experimentiert, der diesem Trend Rechnung tragen soll. Allerdings gehe ich davon aus, dass es erst eine Anwendung in großem Stil braucht, ehe solche Sensoren bezahlbar werden.

Glauben Sie, dass eine Anlage, die gut funktioniert, sich in der Investition von einer Anlage unterscheidet, die nicht so gut funktioniert? Der Einsatz der Technik ist ja meist der gleiche…

Auf Seite der Hardwarekosten macht das sicherlich keinen Unterschied. Ich kenne auch Lösungen mit teurer Hardware, die nicht oder nur eingeschränkt gut funktionieren. Hardware kann natürlich eine Fehlerquelle sein, wenn beispielsweise ein Sensor mit einer Charakteristik ausgewählt wurde, die nicht zum Montageort passt. Aber wenn ich davon ausgehe, dass die richtigen Komponenten ausgesucht wurden, dann stellt sich nur die Frage, ob ein Mehraufwand bei der Inbetriebnahme entsteht, wenn diese ordentlich ausgeführt wird, also richtig eingemessen und parametriert wird. Dazu von meiner Seite ein klares Ja. Ich bin aber auch der Meinung, dass dieser Aufwand geschuldet wird. Wenn die Anforderungen seitens der Planung entsprechend dokumentiert sind, sollten sie sich nicht in Form von Extrakosten beim Bauherren niederschlagen.

Ist denn auch später im Betrieb mit einer Einsparung zu rechnen, wenn die Inbetriebnahme sorgfältig erfolgt ist?

Nicht unbedingt. Aber was Sie sparen werden, ist Ärger mit Ihren Nutzern – und das ist fast unbezahlbar! Wenn aber eine lieblos in Betrieb genommene Anlage dazu führt, dass die Regelung später quasi außer Betrieb genommen wird, dann gibt es natürlich auch auf der Betriebskostenseite Mehrausgaben. Dann geht Einsparpotential verloren.

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» Was Sie sparen werden, ist Ärger mit Ihren Nutzern – und das ist fast unbezahlbar! «

Matthias Gambsganß

Professor für Lichtplanung und Gebäudetechnik

Anforderungen aus der EnEV gelten auch für Bestandgebäude. Sind Sie der Meinung, dass Beleuchtung so viel Einsparpotential bietet, dass es sich lohnt, diese bei der Sanierung mit vorzusehen?

Das hängt natürlich davon ab, wie alt die Bestandsanlage ist und wie grundlegend die Sanierung angegangen wird. Aber alleine bei der Frage, wie viel Licht pro eingesetztem Watt tatsächlich den Raum erreicht, kommt man schnell zu einem positiven Ergebnis. Vergleicht man moderne LED-basierte Leuchten mit den vor 15 Jahren üblichen Leuchtstoffröhren, liegt da ein Faktor nahe zwei dazwischen. Also gilt der Wechsel der Leuchten schon fast als „low-hanging fruit“ – oder? Die Option, die Anlage auch zu automatisieren, birgt darüber hinaus weiteres Einsparpotential.

Auf welche Herausforderungen treffen Sie in Sanierungsprojekten häufig?

Bei einer Kernsanierung, also wenn die Verkabelung neu gemacht wird, ist es planerisch wie bei einem Neubau. Bei einer Teilsanierung ist das anders: Wenn die Deckenbrennstelle erhalten bleibt, also nur eine Spannungsversorgung zur Verfügung steht, dann gibt es deutliche Restriktionen für Lösungen, die über das rein analoge Ein- und Ausschalten hinausgehen sollen. Da empfehlen sich dann künftig eventuell drahtlose Lösungen für die Automation.

Stellen Sie sich vor, Sie wären Betreiber und entscheiden, welches System eingesetzt werden soll. Sähen Sie einen Vorteil darin, wenn Ihr eigenes Personal dazu in der Lage wäre, defekte Komponenten auszutauschen oder das System anzupassen, wenn die Räumlichkeiten umgebaut werden?

Sind viele Systeme nicht quasi-proprietär, weil sie die Handschrift des Programmierers tragen? Auch bei der Wahl für ein offenes System entsteht durch die Inbetriebnahme ein gewisses Abhängigkeitsverhältnis… Vor diesem Hintergrund ist das, was Sie in Ihrer Frage beschreiben, fast schon ein Traum. So müsste es eigentlich sein: dass ich im Falle der räumlichen Umnutzung die Zuordnung der Leuchten und Schalter mit eigenem Personal schaffen kann und keinen hochausgebildeten Programmierer mehr brauche, der viel Geld kostet. Als Betreiber wäre ich sicher nicht gerne mit meinem Anlagenprogrammierer zwangsverheiratet.

Interview: Martin Hardenfels und Julia Ockenga

Ihr Ansprechpartner bei WAGO

Projektplanung Gebäudetechnik AT