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Welche Vorteile hätte z. B. die Lebensmittel-Industrie von den Weihenstephaner Standards?

Lebensmittelbetriebe stehen unter hohem Kostendruck und müssen effizient, ressourcenschonend, flexibel und möglichst verlustfrei arbeiten. Um dies zu erreichen, verfolgen sie Ihre Produkte im Produktionsverlauf genau. Sie werden hierzu vermehrt IT-Systeme mit Schnittstellen zur Produktion einsetzen. Müssen diese Schnittstellen individuell auf die unterschiedlichen "Sprachen" und Inhalte der Maschinen und Systeme verschiedener Hersteller angepasst werden, gestaltet sich Vernetzung aufwendig und teuer. Fordert der Fleischverarbeitungsbetrieb aber bei der Projektierung neuer Produktionsanlagen die Einhaltung der Weihenstephaner Standards, wird die Verfügbarkeit der relevanten Daten sichergestellt, der individuelle Aufwand der Schnittstellenprogrammierung reduziert und ein erheblicher Anteil der Systemimplementierungskosten eingespart.

Wäre es theoretisch möglich, die Weihenstephaner Standards auch für andere Industrien zu öffnen oder lassen sie sich ausschließlich im Lebensmittelbreich nutzen?

Das ist möglich. Wir wissen, dass sich auch schon Schuhcreme- oder Gesichtscremeverpacker sowie Pharmaunternehmen an den Weihenstephaner Standards orientiert haben. Von diesen konnten die grundlegenden Datenprofile genauso genutzt werden. Allerdings musste projektspezifisch mehr ergänzt werden.

Gibt es einen bestimmten Automatisierungsgrad, den eine Produktion erreicht haben muss, um die Weihenstephaner Standards implementieren zu können?

Theoretisch könnten alle Weihenstephaner Daten auch über Handeingabeterminals erfasst und IT-Vorgaben manuell umgesetzt werden. Hierfür wurden die Standards aber nicht entwickelt. Eine Anwendung ist sicher erst sinnvoll, wenn automatisierte Produktionseinrichtungen angebunden und weitestgehend Daten online ausgetauscht werden sollen.

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Die Vorteile der Standardisierung werden oft unterstrichen. Ganz ehrlich, gibt es auch Nachteile?

Natürlich hat die Verwendung von Standards auch Nachteile. Sie sind ein Kompromiss, der im Falle der Weihenstephaner Standards mit vielen beteiligten Industriepartnern „ausgehandelt“ wurde. Insofern können Sie nie exakt die Wünsche eines Einzelnen erfüllen. Wer im speziellen Projekt genügend Zeit und Geld zur Verfügung hat, wird für die Integration von Produktionssystemen in eine IT Systemlandschaft sicher eine für diesen Einsatzfall bessere Lösung erreichen können. Zudem sind wettbewerblich arbeitende Lieferanten häufig nicht von Standards begeistert. Auch bei der IT Integration in der Lebensmittelbranche verdienen viele Unternehmen Geld mit firmenspezifischen Lösungen und binden gleichzeitig ihre Kunden an sich. Ein herstellerneutraler Standard ist für diese, zumindest kurzfristig, ein Nachteil

Welche Weiterentwicklungen können Sie sich für die Weihenstephaner Standards vorstellen – insbesondere mit Blick auf das Thema Industrie 4.0?

Wie bereits angesprochen arbeiten wir im Hinblick auf die zunehmende Vernetzung über das „offene“ Internet und mögliche IT-Systemanwendungen in der Cloud bereits an einer Alternative zum derzeitigen WS Protocol anhand von WS OPC UA. Neben IT Security Mechanismen (Verschlüsselung, Zugriffsschutz, ..) denken wir beim zukünftigen Informationsmodell und der Kommunikationsarchitektur auch immer weniger an die klassische Automatisierungspyramide. Die Schnittstelle zwischen IT und Produktionseinrichtungen wird zukünftig überall liegen können, z. B. in einer Sensorelektronik, einer SPS, einem IPC, einem Leitsystem oder einem mobilen Bediengerät. Einheitlichen Schnittstellendefinitionen und vor allen gleicher Semantik der Dateninhalte kommt hierbei noch größere Bedeutung zu. Deshalb lohnt es sich, die Weihenstephaner Standards als IoT-Schnittstelle für die Lebensmittelindustrie weiterzuentwickeln. In Forschungsprojekt RoboFill zur multiagentenbasierten und somit komplett virtualisierten Steuerung eines produktgeführten Getränkeabfüllprozesses haben wir hiermit bereits begonnen.

Herr Dr. Voigt, vielen Dank für das Interview.

Zur Person

Dr.-Ing. Tobias Voigt studierte Brauwesen und Getränketechnologie an der Technischen Universität München und promovierte am Lehrstuhl für Brauereianlagen und Lebensmittelverpackungstechnik. Anschließend baute er am Nachfolgelehrstuhl für Lebensmittelverpackungstechnik eine eigene Forschergruppe auf, die sich mit der Abfüll- und Verpackungstechnik, der nachhaltigen industriellen Lebensmittelproduktion sowie deren informationstechnischer Unterstützung beschäftigt. Seit Januar 2013 ist er zudem Geschäftsführer der Industrievereinigung für Lebensmitteltechnologie und Verpackung e. V. (IVLV).

Wie alles begann…

Die Basis der Weihenstephaner Standards bildete ein 1999 gestartetes Forschungsprojekt für Brauereien. Anforderungen an Datenerfassungssysteme im Getränkeabfüllbereich wurden damals in einem „Standard-Pflichtenheft“ festgelegt. Dieses fand in der Getränkeindustrie in den Folgejahren immer mehr Anwendung. Sowohl bei Abfüllbetrieben, als auch in Maschinenbauunternehmen und IT-Systemhäusern entstand der Wunsch nach weiterer Standardisierung. In den Jahren 2003 bis 2005 legte das Team um Dr. Tobias Voigt daraufhin Auswertefunktionen und vor allem die IT-Maschinenschnittstellen exakt im Standard fest. Dies lieferte die Basis für die seit 2007 verfügbaren WS Pack-Definitionen für Verpackungsmaschinen. Im Jahr 2010 wurden vergleichbare Definitionen am Beispiel der Wurstherstellung (WS Food) und 2015 für die Backwarenherstellung (WS Bake) fertiggestellt.

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