Referenz 26. Januar 2018
Leuchtturm für Ostwestfalen

Der Neubau für die Fachhochschule Bielefeld auf dem Campus Minden gilt gleich in doppelter Hinsicht als wegweisend: Er integriert modernste Energie- und Automationstechnik und liefert zugleich ein Musterbeispiel für das disziplinübergreifende, integrale Bauen. Durch enge Zusammenarbeit erreichten Planer und Gewerke bei Qualität und Kosten eine Punktlandung.

Der Bau eines Gebäudes geht nicht immer reibungslos über die Bühne. Obwohl sich auf einer Baustelle häufig viele verschiedene Fachplaner und Gewerke tummeln, ist der Austausch und der koordinierte Einsatz der Akteure bisweilen verbesserungswürdig.

Eine Ursache für derartige Schwierigkeiten liegt unter anderem in den Ausschreibungsregeln. Üblich ist, die einzelnen Bauleistungen nach und nach im Laufe eines Projekts zu vergeben. Einige Unternehmen kommen daher erst zum Zuge, wenn andere die Baustelle bereits verlassen haben – eine gewerkeübergreifende Zusammenarbeit wird unter diesen Umständen erschwert. Die Fachhochschule (FH) Bielefeld als Nutzer und der Bau- und Liegenschaftsbetrieb NRW (BLB NRW) als Bauherr sind beim Neubau der FH auf dem Campus Minden einen neuen Weg gegangen: „Wir haben uns entgegen den bisherigen Modalitäten frühzeitig mit allen Planern an einen Tisch gesetzt und so eine gemeinsame Basis für optimale Lösungen geschaffen“, erklärt Oliver Wetter, Dekan des Campus Minden. Die Kooperation zahlte sich aus: Nach 22 Monaten Bauzeit übergab der BLB NRW der FH den Neubau pünktlich und zu den geplanten Kosten von 14 Millionen Euro – keine Selbstverständlichkeit bei Bauvorhaben dieser Größenordnung.

Intelligent geplant

Die Punktlandung bei Qualität und Kosten war alles andere als leicht, denn die FH wünschte sich ein intelligentes Gebäude mit anspruchsvoller Energie- und Automationstechnik. Der Campus Minden hat einen traditionell starken Schwerpunkt im Bereich Bauwesen mit einem Masterstudiengang „Integrales Bauen”.

Er versammelt Architekten, Bauingenieure und Projektmanager unter einem Dach und soll die Studierenden zu herstellerübergreifendem, funktionalem Planen befähigen. Der BLB NRW entwarf für alle deshalb ein viergeschossiges „Begegnungszentrum“ mit Büros, Arbeitsräumen, Bibliothek und Mensa, das dank neuester Energie- und intelligenter Gebäudetechnik auch als Forschungs- und Lehrobjekt dient. Beleuchtung, Energieerzeugung und -verteilung, Klimatisierung und Sonnenschutz werden hier gewerkeübergreifend von der Anlage bis hin zur Raumautomatisierung mit Systemen der Gebäudeautomation automatisch gesteuert, geregelt und überwacht. Die Studierenden sollen die Energiedaten direkt über eine Kommunikationsschnittstelle im Netzwerk auswerten können und lernen, wie diese intelligenten GA-Systeme funktionieren und sich programmieren lassen. „Sie können somit den Nutzen des Gebäudes durch ihre Forschung weiter erhöhen“, erklärt Wetter.

Gebäude der Energieeffizienzklasse A

Viele Gebäude dieser Art gibt es in Deutschland bisher nicht. Der Campusneubau ist eines von bundesweit zwei Hochschulgebäuden, das bereits die hohen Anforderungen der Energieeffizienzklasse A erfüllt. Danach dürfen laut Energieeinsparverordnung 2014 pro Quadratmeter und Jahr nicht mehr als 50 Kilowattstunden Endenergie in Form von Strom und Wärme verbraucht werden. Zum Vergleich: In der Regel liegt der Verbrauch in öffentlichen Neubauten beim Doppelten – sie kommen daher nicht über die Effizienzklasse C hinaus.

Der Grund: Um die für die A-Klasse nötigen Verbrauchswerte zu erreichen, muss in Raumautomatisierung investiert werden. Hierfür reichen jedoch die öffentlichen Budgets, die sich an Standards aus dem Jahr 2012 orientieren, nicht aus. Beim Campusprojekt nahm die FH die Kosten für die intelligente Gebäudeautomation, insgesamt 113.000 Euro, auf die eigene Kappe. „Wir konnten das FH-Präsidium überzeugen, dass eine höhere Effizienz Forschung und Lehre zugute kommt“, sagt Wetter.

Das entscheidende Argument: Die Gebäudeautomation bringt zwar höhere Anschaffungskosten mit sich, doch über die Nutzungsdauer macht sich die Investition durch Betriebskosteneinsparungen mehr als bezahlt. Um Energiekosten zu sparen, hat die FH einerseits in eine gut gedämmte Gebäudehülle investiert und nutzt andererseits die Computerabwärme aus dem Serverraum sowie die Energie einer geothermischen Anlage. Ihre Sonden entziehen dem Erdreich Wärme und geben sie an eine Wärmepumpe weiter, die die niedrige Temperatur der Erdwärme steigert und für die Heizung nutzbar macht. Durch den Umkehrbetrieb der Wärmepumpe werden die Bibliothek, der Speiseraum, das Foyer, die Meeting-Points sowie die Werkstatt mit Hilfe der Fußbodenheizung und über die Deckenstrahlplatten gekühlt – und die hierbei entzogene Energie zur Regeneration des Erdsondenfelds genutzt.

Eine zweite Wärmepumpe ist in den Speicherverbund der Serverkühlung/Geothermie eingebunden und wird ebenfalls für das Heizungsverbundsystem genutzt. Für die Warmwasserbereitung und für Spitzenlasten wird ein Gas-Brennwertkessel vorgehalten. Die Kühlspitzen werden über zwei Kältemaschinen abgefahren. Zusätzlich ist eine freie Kühlung in das Kälteverbundsystem integriert. Die komplette Anlagentechnik ist auf die Minimierung des Primärenergiebedarfs ausgelegt.

Offene Kommunikation dank BACnet

Die zentrale Rolle bei der Anlagen- und Raumautomatisierung spielen BACnet/IP-Steuerungen des WAGO-I/O-SYSTEMs 750. Insgesamt 21 dieser Systeme wurden im neuen Campusgebäude installiert. Sieben Steuerungen bilden dabei die klassischen Informationsschwerpunkte für die Heizungs-, Klima- und Kältetechnik, 14 Einheiten übernehmen die Automatisierungsfunktionen in den Etagen. Alle Controllereinheiten sind über ein ETHERNET-Netzwerk miteinander vernetzt.

BACnet bietet als standardisiertes, offenes Datenkommunikationsprotokoll den Vorteil, dass die Datenkommunikation zwischen Geräten verschiedener Hersteller ermöglicht wird, sofern diese den BACnet-Standard im gleichen Sinn, entsprechend den detaillierten Vorgaben der Fachplanung, unterstützen. Als Steuerungen für die Mess-, Steuer- und Regelungstechnik der technischen Anlagen sorgt die WAGO-Technik dafür, dass die Zentralanlagen wie Wärmepumpen oder die geothermische Anlage einwandfrei funktionieren und im Zusammenspiel mit der Lüftung immer die gewünschte Temperatur herrscht.

Raum- und Gebäudeautomation mit WAGO

Die Raumautomation umfasst die Beleuchtung, die Beschattung und die Raumtemperaturregelung. In den Praktikums- und Seminarräumen wurde zusätzlich eine kohlendioxidgeführte Luftqualitätsregelung umgesetzt. Die Rückmeldungen der Fensterkontakte werden ebenfalls erfasst und im Automationsprogramm verarbeitet. Um alle Signale der Raumebene erfassen zu können, nutzte die Firma Hermos aus Mistelgau den modularen Aufbau des WAGO-I/O-SYSTEMs und die Sondermodule für die Subbussysteme DALI, KNX und SMI. Über KNX-Raumbediengeräte werden die verschiedenen Raumfunktionen aktiviert.

Um die Gebäudeautomation jederzeit überwachen und justieren zu können, werden alle Informationen der Anlagen- und Raumautomation sowie alle zusätzlichen Überwachungsfunktionen sämtlicher Gewerke an eine BACnet-Managementbedienebene gemäß den Vorgaben der Systemintegrationstabellen angebunden. Mit ihrer Hilfe lassen sich dann zum Beispiel die Energiedaten des Gebäudes aufzeichnen und analysieren, Sollwertvorgaben oder Belegungszeiten zentral ändern und sogar alle Werte und Zustände wie etwa Temperaturen, Betriebsmeldungen und Störungen von allen Anlagen im Zeitraffer vor- und rückwärts visualisieren.




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